Deflation: Definition, Folgen und aktuelle Situation in der Corona-Krise

Deflation
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Autor: Mag. Peter Hrubec
Kategorie: Zinsen
Datum: 30.09.2020

Für das gleiche Geld mehr einkaufen – das klingt erst einmal verlockend. Doch ein allgemein fallendes Preisniveau, auch Deflation genannt, wird von Ökonomen und Staatschefs gefürchtet. Denn es geht meist Hand in Hand mit wirtschaftlichem Abschwung. In diesem Beitrag erfahren Sie die wichtigsten Fakten zur Deflation: Wie entsteht sie? Welche Folgen hat sie und welche Gegenmaßnahmen gibt es? Außerdem diskutieren wir, ob die aktuelle Corona-Krise zu einer Deflation führen kann.

Definition: Was ist Deflation?

Zunächst noch einmal eine kurze Definition der Bedeutung von Deflation: Man versteht darunter ein allgemein sinkendes Preisniveau. Waren und Dienstleistungen werden immer günstiger und man bekommt plötzlich für denselben Geldbetrag mehr Güter – die Kaufkraft des Geldes nimmt zu. Deflation ist somit das Gegenstück zur Inflation und zeigt sich in einer negativen Inflationsrate.

Ratgeber

Inflation: Definition, Folgen und aktuelle Trends in Österreich

In der Praxis gelten minimal negative Inflationsraten (minus 0,1 bis minus 0,3 %) für ein bis drei Monate noch nicht als Deflation, da meist der Ölpreis für Verzerrungen sorgt. Echte Deflation wäre es, wenn beispielsweise auch die Kerninflation ex. Energie und Lebensmittel, die häufig für statistische Preisverzerrungen sorgen für einen längeren Zeitraum negativ wäre.

Deflation: ein Beispiel zur Illustration

Angenommen, Sie besitzen 60 Euro und kaufen für dieses Geld zwei T-Shirts für jeweils 30 Euro. Im nächsten Jahr kostet ein T-Shirt nur mehr 20 Euro und Sie können sich nun für den gleichen Betrag drei Stück kaufen: Das Geld hat an Wert gewonnen. Der neue Preis beträgt nur mehr 67 % vom alten Preis. Die Inflationsrate würde also, wenn es nur diese eine Ware gäbe, bei -33 % liegen.


Das Wichtigste im Überblick

  • Der Begriff Deflation bezeichnet das Phänomen von allgemein sinkenden Preisen. Die Kaufkraft des Geldes nimmt dabei zu. 
  • Eine Deflation kann durch sinkende Nachfrage entstehen oder durch eine Verknappung der Geldmenge. Oftmals tritt die Deflation als Begleiterscheinung einer wirtschaftlichen Rezession oder Depression auf.
  • Die Deflation kann sich wie eine Spirale immer weiter verstärken – Zentralbanken versuchen sie deshalb von vornherein zu verhindern.
  • Um die Deflation zu bekämpfen, kann die Zentralbank den Leitzins senken. Aber auch staatliche Anreize wie Steuersenkungen oder verstärkte staatliche Investitionen können helfen.
  • Generell sind deflationäre Tendenzen wesentlich seltener als die Inflation. Nennenswerte Deflationsperioden gab es während der Großen Depression in den 1930er-Jahren, in Japan seit den 1990-Jahren und in Argentinien von 1998-2002.
  • Infolge der Corona-Krise könnte es zu einer Deflation kommen – laut Robert Holzer, Chef Österreichische Nationalbank, ist die Wahrscheinlichkeit aber gering. Die aktuell sinkenden Verbraucherpreise sind vor allem auf den Ölpreisverfall zurückzuführen.

Corona-Krise: Gefahr der Deflation durch sinkende Nachfrage?

Kein Urlaub, kein Restaurantbesuch – stattdessen Sparstift wegen Lohnkürzungen: Die Nachfrage in vielen Bereichen ist durch die Corona-Krise stark zurückgegangen. Damit macht sich die Sorge vor einer drohenden Deflation breit. Doch es ist noch unklar, ob es wirklich zu einem Preisverfall kommt.

Niedriger Ölpreis drückt die Inflation

Fest steht: Die Inflationsrate hat von Februar 2020 bis August 2020 kontinuierlich abgenommen. Lag die Jahresinflation im Februar 2020 noch bei 2,2 %, so ist sie bis August 2020 auf 1,4 % gesunken. Doch diese disinflationäre Entwicklung ist vor allem auf den rapide fallenden Ölpreis zurückzuführen. Hingegen Saisonwaren und Güter des täglichen Einkaufs hatten sich überproportional verteuert. Hingegen einem zu starken Preisauftrieb dämpfen gegenüber wirken Kurzarbeit und erhöhte Arbeitslosigkeit infolge der Corona-Krise.

Was für bzw. gegen eine Deflation spricht

Für eine Deflation sprechen eine strukturelle Arbeitslosigkeit infolge von Rationalisierungs- und Automatisierungswellen in Unternehmen (Unterkonsumption durch geringere Nachfrage). Die Corona-Krise hat nämlich einen Digitalisierungsschub ausgelöst.

Gegen Deflation hingegen spricht eine drohende Warenknappheit bei längeren Lockdown-Maßnahmen oder infolge von Pleitewellen, die mit dem Auslaufen von Kreditstundungen zunehmend wahrscheinlicher werden. Manche Volkswirte sehen auch in der Zunahme der Geldmenge durch Hilfsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) langfristige Inflationsgefahr.

Gesamteffekt geht in Richtung Nullinflation

Insgesamt bringt die Corona-Krise also sowohl Faktoren mit sich, welche die Preise nach unten treiben, als auch solche, die eher für Teuerung sorgen. Wie der Gesamteffekt letztendlich aussieht, ist deshalb schwer vorauszusagen. Laut dem Chef der Österreichischen Nationalbank, Robert Holzmann, ist die Wahrscheinlichkeit einer Deflation gering, aber nicht ausgeschlossen

Entscheidend werden wohl auch die Erwartungen der MarktteilnehmerInnen sein: Glauben die Unternehmen, dass sich die Wirtschaft erholt, und investieren sie? Haben Konsumenten ein Gefühl von Sicherheit wiederbekommen und holen Urlaube und Einkäufe nach? Dann ließe sich eine Deflation vermutlich abwenden.


Deflation: Ursachen und Folgen

Als Einzelperson freut man sich, wenn man weniger zahlen muss. Doch Zentralbanken und Staaten setzen vieles daran, um eine Deflation zu verhindern. Aber was ist daran eigentlich so gefährlich? Im Folgenden zeigen wir die Auswirkungen auf die Wirtschaft auf und klären, wie es überhaupt zu einem Preisverfall kommt und wer dabei profitiert. 

Wie entsteht eine Deflation?

Grob vereinfacht kommt es dann zu einer Deflation, wenn die Nachfrage kleiner ist als das Angebot (Nachfragelücke) oder die Geldmenge insgesamt schrumpft. Die sinkenden Preise können daher unterschiedliche Ursachen haben:

  • Rückgang der Nachfrage: Eine Krise oder ein sich ankündigender wirtschaftlicher Abschwung macht Konsumenten und Unternehmen vorsichtig. Sie halten sich bei den Ausgaben bzw. Investitionen zurück und die Gesamtnachfrage sinkt. Ebenso können staatliche Sparmaßnahmen der Grund für schwächelnde Nachfrage sein. Nicht zuletzt führen sinkende Exporte (z. B. durch Wirtschaftskrisen im Ausland oder eine sehr starke Währung) zum Nachfragerückgang.
  • Platzen von Spekulationsblasen: In diesem Fall kommt es zur Vermögensdeflation. Die Vermögensgegenstände (z. B. Immobilien) wurden vielfach auf Kredit gekauft und sind nun viel weniger wert, die Kreditsumme bleiben aber bestehen. Dadurch geraten die Besitzer in die Überschuldung und zahlreiche Kredite fallen aus. Insgesamt werden weniger neue Kredite vergeben als ausfallen – und die Geldmenge sinkt. Wenn weniger Geld im Umlauf ist, steigt aber dessen Kaufkraft und somit ist die Deflation in Gang gesetzt.
  • Produktivitätszuwächse: Wenn die Produktion immer effizienter wird, dann kann dies ebenfalls zu sinkenden Preisen führen. In einzelnen Branchen – etwa im Bereich von Technik und IT – kommt dies immer wieder vor. Über alle Sektoren hinweg ist es aber sehr selten, vor allem innerhalb einer kurzen Frist.

Auswirkungen und Folgen der Deflation

Eine beginnende Deflation entwickelt eine Dynamik, die sich über alle Wirtschaftsbereiche selbst verstärkt und ungebremst fast immer in eine schwere wirtschaftliche Rezession führt:

  • Fallende Preise führen zu sinkenden Profiten der Unternehmen.
  • Unternehmen müssen einsparen, kürzen Löhne und entlassen Mitarbeiter.
  • Die Arbeitslosigkeit steigt und Arbeitseinkommen sinken.
  • Privatpersonen schrauben den Konsum herunter.
  • Unternehmen investieren weniger.

In der Folge schrumpft die Wirtschaftsleistung, die Arbeitslosigkeit steigt und es kommt verstärkt zu Insolvenzen

Ein weiterer gefürchteter Effekt der Deflation: Jeder rechnet damit, dass die Güter in Zukunft billiger werden. Deshalb werden Investitionen hinausgeschoben, schließlich kostet das Auto oder die neue Produktionsanlage ja morgen weniger als heute. Die Leute neigen dazu, das Geld lieber zu horten als es auszugeben. So wird die Nachfrage weiter gedämpft und die Krise verschärft sich.

Kredite bei Deflation

Wer einen laufenden Kredit hat, verliert durch die Deflation besonders stark. Denn die nominale Kreditsumme bleibt gleich – das Geld ist aber nun immer mehr wert. Das heißt, dass die reale Höhe der Schulden zunimmt

Falls man sich einen Vermögensgegenstand (z. B. Immobilien) auf Kredit gekauft hat, dann ist das in diesem Fall sehr ungünstig. Schließlich ist das Sachvermögen nun weniger Geld wert, die Kreditsumme jedoch gleichgeblieben. Somit kann es sein, dass die Schulden plötzlich höher sind als der Wert des damit erworbenen Hauses. Aber auch für Staaten – die meist hohe Schulden haben – oder Unternehmen steigt die Schuldenlast.

Gläubiger hingegen profitieren von der Deflation, denn der reale Wert ihrer Forderungen nimmt zu. Zudem steigen die realen Zinsen: Zum nominalen Zinssatz kommt noch der Wertzuwachs durch die Deflation.

Die Deflationsspirale

Wie oben beschrieben, kann sich eine Deflation immer weiter selbst verstärken: 

Sinkende Preise ⇒ sinkende Löhne und Entlassungen ⇒ Konsum wird gebremst ⇒ Preise werden weiter gedrückt

Zusätzlich gibt es mehr Unternehmensinsolvenzen, weshalb viele Kredite ausfallen. Banken werden vorsichtig und geben weniger Kredite aus – die Geldmenge sinkt und die Deflation wird weiter verschärft. 

Die gesamte Dynamik funktioniert also wie eine Spirale, die immer weiter nach unten führt (falls Gegenmaßnahmen ausbleiben). Dieses Phänomen ist auch als sogenannte Deflationsspirale bekannt.


Gegenmaßnahmen: die Deflation bekämpfen

Um die beschriebenen negativen Folgen zu verhindern, sollten deflationäre Entwicklungen möglichst früh bekämpft werden. Allerdings: Es ist gar nicht so leicht, einer Deflation beizukommen. Folgende  wesentliche Maßnahmen gibt es:

  • Leitzins senken: Die Zentralbank kann den Leitzins senken und somit die Geldmenge vergrößern. Der Wert des Geldes sinkt und die Preise steigen.
  • Quantitative Lockerung: Dabei kauft die Zentralbank langfristige Anleihen auf (zum Beispiel Staatsanleihen), wodurch sich ebenfalls die Geldmenge erhöht. Dieses Mittel wird gern eingesetzt, wenn die Zinsen bereits sehr niedrig sind. So kündigte die EZB im Zuge der Corona-Krise beispiellose Anleihenkäufe an, da die Zinsen schon vorher bei null lagen.
  • Erhöhung von staatlichen Ausgaben: Schließlich kann der Staat versuchen, die Gesamtnachfrage zu stimulieren. Zum Beispiel durch öffentliche Investitionen in Bildung und Infrastruktur oder durch Steuererleichterungen, sodass der private Konsum ansteigt.

Insgesamt haben alle Instrumente aber genauso ihre Schattenseiten. Zum Beispiel kann die Zentralbank den Zins nicht unendlich weit senken, bei null ist in der Regel Schluss. 

Außerdem kann es soweit kommen, dass selbst niedrige Zinsen nichts mehr bringen: nämlich dann, wenn die Leute bereits so verunsichert sind, dass sie trotz Nullzinsen das Geld lieber horten als es auszugeben (die sogenannte „Liquiditätsfalle“). Staaten und Zentralbanken versuchen deshalb, eine Deflation vor vornherein zu verhindern.


Investieren bei Deflation: Welche Strategie ist sinnvoll?

Während bei der Inflation ein Investment in Sachwerte wie Immobilien als vorteilhaft gilt, ist bei einer Deflation das Gegenteil der Fall: Der Wert von Sachvermögen sinkt – im Verhältnis zum Geld gesehen. Generell gesprochen sind bei Deflation die folgenden Strategien von Vorteil:

  • Unternehmensaktien werden weniger attraktiv, da die betreffenden Unternehmen weniger Profit erwirtschaften.
  • Immobilien und andere Sachwerte sind im Vergleich zu inflationären Phasen weniger rentabel.
  • Festverzinsliche Geldanlagen (zum Beispiel Tagesgeld oder Bundesanleihen) sind auf einmal deutlich lohnenswerter. 
  • Generell sind Zinspapiere von Vorteil, da die realen Zinsen durch die Deflation steigen.

Nicht ganz unumstritten ist die Rolle von Gold in der Deflation. Investoren tendieren meist dazu, Gold in deflationären Phasen zu verkaufen und auf Zinspapiere umzuschichten – daher fällt der Goldpreis in der Regel, wenn die Inflation nachlässt.


Preisverfall in der Geschichte: Wann gab es eine Deflation?

Allgemein gesprochen sind sinkende Preise ein eher seltenes Phänomen. Im vergangenen Jahrhundert gab es die folgenden drei nennenswerten Deflationsperioden:

  • Große Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren: Ausgehend vom Börsencrash im Jahr 1929 kam es weltweit zu einer wirtschaftlichen Depression. Die Folge waren einbrechende Löhne, extrem hohe Arbeitslosenzahlen und fallende Preise. Die Deflation wurde durch den Sparkurs von damaligen Regierungen noch zusätzlich angetrieben.
  • Deflation in Japan ab den 1990er-Jahren: Ende der 1980-Jahre entwickelte sich in Japan eine spekulative Aktien- und Immobilienblase, die in den frühen 90er-Jahren platzte. Daraufhin folgten ein wirtschaftlicher Abschwung und ein Preisverfall. Man versuchte mit Zinssenkungen und Staatsausgaben gegenzusteuern, jedoch kämpft das Land bis heute mit der Deflationsgefahr.
  • Argentinienkrise 1998-2002: Durch eine Währungs- und Schuldenkrise kam es in Argentinien um die Jahrtausendwende zu einem starken Rückgang bei Konsum und Investitionen. Dies löste eine deflationäre Phase aus, die bis 2002 andauerte.

Deflation – fallende Preise und Wirtschaftsabschwung

Wenn Waren und Dienstleistungen allgemein günstiger werden, dann läuten bei Ökonomen die Alarmglocken. Denn die fallenden Preise setzen eine Spirale des wirtschaftlichen Abschwungs in Gang. Daher peilen die meisten Zentralbanken eine leichte Inflation von rund 2 % an, um einen Sicherheitsabstand zur gefürchteten Deflation zu wahren. Staaten und Zentralbanken setzen Instrumente wie Zinssenkungen, Anleihenkäufe oder staatliche Finanzspritzen ein, um deflationäre Entwicklungen frühzeitig zu verhindern

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Über den Autor: Mag. Peter Hrubec
Position: Prokurist

Die Neugier für neue Themen, die die Finanzdienstleistung bewegen, zieht sich wie ein roter Faden durch meine berufliche Laufbahn. Bei AXA Equity & Law war ich für die Markterschließung in Österreich sowie die Einführung der betrieblichen Vorsorge zuständig. Im Anschluss daran beschäftigte ich mich als geschäftsführender Gesellschafter von Nova Portfolio Management mit innovativen Vermögensanlage-Konzepten. Seit dem Jahr 2009 bin ich als Prokurist bei Infina schwerpunktmäßig in den Bereichen Product Consulting, sowie der Vertriebs- und Bankenbetreuung verantwortlich. Darüber hinaus liegt mein Fokus auf rechtlichen Fragestellungen, die den österreichischen Kreditmarkt in Österreich betreffen sowie der Analyse von Markt- und Zinsentwicklungen.

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